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Medikamentensucht

 

Abhängigkeitserkrankungen - Medikamentenabhängigkeit

 

Medikamentenabhängigkeit, Medikamentensucht, Medikamentenmissbrauch, Medikamentenabusus

Allgemeine Hinweise zur Medikamentenabhängigkeit

Medikamente sind synthetische oder natürliche Stoffe, mit denen die Beschaffenheit, der Zustand oder die Funktion des menschlichen Körpers bzw. seelischer Zustände im heilenden Sinne beeinflusst werden können. Medikamente können aber auch wie Alkohol zur Abhängigkeit und zu körperlichen und seelischen Störungen führen. Ein erster Schritt in Richtung einer Abhängigkeit von Medikamenten zeigt sich häufig durch die Dosissteigerung. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle (DHS) gegen die Suchtgefahren gibt es zur Zeit ca. 1,4 Mio. Medikamentenabhängige in Deutschland. Wegen der hohen Dunkelziffer liegt die Zahl der Betroffenen wahrscheinlich wesentlich höher.

Die insgesamt 1,4 Mio. Medikamentenabhängigen (2,9 % der Wohnbevölkerung) sind nach DSM-IV-Kriterien abhängig von Schmerz-, Schlaf-, Beruhigungs-, Anregungsmitteln und Appetitzüglern (N.N., 2000). Der Frauenanteil beträgt 750.000 Personen (3,2 % Wohnbevölkerung) und Männeranteil 610.000 Personen (2,5 % der Wohnbevölkerung).

Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) besitzten 4 bis 5 % aller häufig verordneten Arzneimittel ein eigenes Suchtpotenzial. Alle psychotropen Arzneimittel wie z. B. Schlafmittel und Tranquilizer vom Benzodiazepin- und Barbitursäure-Typ, zentral wirkende Schmerzmittel, Codeinhaltige Medikamente oder auch Psychostimulantien sind rezeptpflichtig. Schätzungsweise 25 bis 30 % dieser Mittel werden nicht wegen akuter Probleme, sondern langfristig zur Suchterhaltung und zur Vermeidung von Entzugserscheinungen verordnet. Oft wird das (spätere) Suchtmittel während einer ärztlichen Behandlung kennengelernt. Die Einnahme erscheint auch bei selbständiger Fortsetzung "legitimiert". Medikamentenabhängigkeit bleibt in der Regel lange ohne Behandlung.

Medikamente mit Suchtpotential können im wesentlichen in 5 Medikamentengruppen eingeteilt werden. Dies sind:

  • Schmerzmittel (Analgetika)
  • Hustenmittel
  • Dämpfende Mittel und Schlafmittel (Sedativa, Hypnotika)
  • Entspannungs- und Beruhigungsmittel (Tranquilizer)
  • Aufputschmittel (Stimulantien, zentralerregende Mittel)

Im Jahre 1997 wurden über die Apotheken 1,609 Milliarden Packungen Arzneimittel verkauft. Der gesamte Umsatz betrug rund 49 Milliarden DM. Davon wurde von der gesetzlichen Krankenversicherung rund 33,35 Milliarden DM (824 Millionen Packungen verordneter Arzneimittel) ausgegeben. Der größte Teil der übrigen Packungen, nämlich rund 36 % oder 580 Mio. Packungen, entfiel auf den Bereich der Selbstmedikation und damit auf den direkten Einkauf in der Apotheke ohne ein ärztliches Rezept. Der Umsatz betrug hier 7,7 Milliarden DM. Die Selbstmedikation hat damit einen Anteil von 18 % am Apothekenumsatz erreicht. Wie breits weiter oben erwähnt, besitzen etwa 4 bis 5 % aller häufig verordneten Arzneimittel besitzen ein z. T. hohes Suchtpotential. Die betreffenden psychotropen Arzneimittel (Mittel mit Wirkung auf die Psyche) sind z. B. Schlafmittel (Hypnotika) und Tranquilizer von Benzodiazepin-Typ, Medikamente vom Barbituratsäure-Typ, zentral wirkende Schmerzmittel, codeinhaltige Medikamente und Psychostimulantien. Einige Substanzen verursachen nur wenig Entzugserscheinungen, andere Substanzen wie z. B. Medikamente aus der Gruppe der Beruhigungsmittel (Tranquilizer) verursachen starke Entzugserscheinungen, die oft nur durch ein langsames Absetzen (Ausschleichen) des Medikamentes gemindert werden können. Infolge einer Depotwirkung im Organismus können intervallartige Entzugserscheinungen noch Wochen oder Monate nach Absetzen des Stoffes auftreten. Bei lang anhaltendem, regelmäßigem Medikamentenmissbrauch kann es je nach Substanz auch zu psychischen Störungen und körperlichen Schädigungen kommen. Dies sind z. B. Ängste, Verfolgungswahn, Verwirrtheit und Organschädigungen wie z.B. Herzversagen, Hirnschock oder Dauerschädigungen von Leber und Nieren.

Die WHO unterscheidet die folgende Typen der Abhängigkeit (Dilling und Reimer, 1994):

  • Alkohol
  • Opioide (Morphin, Heroin)
  • Cannabinoide (Haschisch, Marihuana)
  • Sedativa und Hypnotika
  • Kokain
  • Stimulantien (Amphetamine)
  • Halluzinogene
  • Flüchtige Lösungsmittel (Schnüffelsucht)
  • Tabak
Die wichtigsten Gruppen und ihre Merkmale sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Tabelle 2 gibt eine Übersicht über verschiedene Arzneimittelgruppen und die möglichen Abhängigkeitsentwicklungen.

Tabelle 1: Abhängigkeitstypen nach Definition der WHO

Stoff
psychische Abhängigkeit
physische Abhängigkeit
Toleranz
Morphin-/Opiat-Typ
+++
+++
+++
Kokain-Typ
+++
-
-
Cannabis-/Marihuana-Typ
(+)++
(+)
(+)
Amphetamin-Typ
++
(+)
++
Barbiturat-/Alkohol-Typ
+++
++(+)
++
Halluzinogen (LSD)-Typ
(+)++
(+)
++

 

Tabelle 2: Zuordnung der Arzneimittelgruppen zu den Abhängigkeitstypen nach WHO (Quelle: DHS)

Arzneimittelgruppe WHO - Abhängigkeitstyp (ICD-10)
Alkoholhaltige Arzneimittelzubereitungen Alkoholtyp
Analgetika/Antitussiva

  • stark wirksame Analgetika/ Antitussiva
    - Morphin, Pethidin, Methadon, Codein, Fentanyl u.a.
  • schwach bis mittelstark wirksame Analgetika
    - v.a. Analgetika Kombinationen
    - sonstige
Morphin (Opiat)-Typ
(Opioide)
Hypnotika/ Sedativa

  • Barbiturate
  • Benzodiazepine
  • Sonstige

Psychopharmaka

  • Tranquillantien
    - Benzodiazepine
    - Carbamate
Barbiturat-Typ
(Sedativa/Hypnotika)

(Psychoaktive Substanzen)

Psychostimulantien

  • Amphetamine
  • Appetitzügler
  • Ephedrine
Amphetamin-Typ/Khat-Typ
(Stimulantien)
Sonstige Wirkstoffgruppen

  • Anticholinergika
  • Laxantien
  • Corticoide
  • Diuretika
  • Betablocker
Halluzinogen-(LSD)-Typ
(
Halluzinogen-(LSD)-Typ

 


Die wichtigsten Medikamente mit Suchtpotential und ihre psychischen und körperlichen Auswirkungen werden auf den nachfolgend beschrieben: Scherzmittel und Hustenmittel Schmerzmittel (Analgetika)

Zentral wirkende Schmerzmittel: Von den zentral wirkenden Schmerzmitteln (Analgetika) fallen die meisten aufgrund ihres Missbrauchs- und Abhängigkeitspotentials unter die Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV). Diese schützt zwar vor einer allgemeinen Verbreitung der Anwendung dieser Medikamente, jedoch nicht immer vor einem Missbrauch. Ein Missbrauch ist z. B. durch medizinisches Personal möglich.

Neben den klassischen Analgetika wie Morphin und seinen Abkömmlingen wie Dilaudid, Eukonal, Dicodid und Temgesic, gehören in diese Kategorie auch die Pethidin-Gruppe (Dolantin, Valoron) und die Methadon-Derivate (Polamidon, Dipidolor, Develin, Rosimon-neu). Alle derartigen Analgetika haben ein hohes Suchtpotential, d. h. schon nach kurzzeitiger Einnahme kann eine Abhängigkeit entstehen.

Schwach bis mittelstark wirkende Schmerzmittel: Medikamente dieser Gruppe sind hauptsächlich als Mischpräparate im Handel. Hauptinhaltsstoffe sind Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Propyphenazon. Kombinationsstoffe sind Codein und Coffein. Schmerzmittelkombinationen mit Barbituraten (hohes Suchtpotential) sind nicht mehr zugelassen. Schmerzmittelkombinationen mit Coffein sind seit 1989 verschreibungspflichtig. Bei Schmerzen ist den Monopräparaten der Vorzug zu geben, da bei ihnen Nebenwirkungen kalkulierbar sind.

Hustenmittel (Antitussiva)

Hustenmittel gehören in die Gruppe der Antitussiva. Dies sind Medikamente, die Codein enthalten. Codein ist ein Opioid und wird im Körper individuell unterschiedlich in Morphin (5 bis 20 %) umgewandelt. Aus diesem Grund wird Codein auch als Heroinersatzstoff eingenommen. Durch die missbräuchliche Verwendung von Codein kann eine Opiatabhängigkeit entstehen. Es werden aber auch andere Nebenwirkungen wie z. B. Verwirrtheit, Halluzinationen und Psychosen bei der Einnahme bestimmter Medikamente aus dieser Gruppe beschrieben.

Antitussiva, die vornehmlich Codein enthalten, unterliegen dem BtMG. Hustenmittel fallen nicht unter das BtMG, da sie Codein in niedrigerer Dosierung enthalten. Dies drückt sich in zunehmenden Missbrauchszahlen aus. Missbräuchlich verwendet werden z. B. die gängigen Hustenmittel Codeinum phosphoricum forte oder Codicompren retard. Auch Dihydrocodein (Paracodin, Remedacen) wird missbraucht.

Oft beinhalten Hustenmittel Codein, Alkohol und andere Dämpfungsmittel, die in Kombination zu einer verstärkten Wirkung führen. Die niedrige Dosierung von Codein und anderen Stoffen verleitet die Konsumenten zur Einnahme großer Mengen. Dabei können andere Bestandteile wie z. B. Analgetika toxisch wirken.

Sedativa/Hypnotika Bromureide Bromureide (Bromisoval und Cabromal, in Kombinationspräparaten wie Sekundal) sind bis zur Unterstellung unter die Verschreibungspflicht im Jahre 1978 häufig missbraucht worden. Bei längerer Einnahme kommt es zu einer Kommulation des Broms, gefolgt von den Zeichen einer Bromvergiftung (Bromismus). Heute sind derartige Medikamente nur noch von untergeordneter Bedeutung.

Von den zentral wirkenden Schmerzmitteln (Analgetika) fallen die meisten aufgrund ihres Missbrauchs- und Abhängigkeitspotentials unter die Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV). Diese schützt zwar vor einer allgemeinen Verbreitung der Anwendung dieser Medikamente, jedoch nicht immer vor einem Missbrauch, der vor allem durch medizinisches Personal möglich ist.

Neben den klassischen Analgetika wie Morphin und seinen Abkömmlingen wie Dilaudid, Eukonal, Dicodid und Temgesic, gehören in diese Kategorie auch die Pethidin-Gruppe (Dolantin, Valoron) und die Methadon-Derivate (Polamidon, Dipidolor, Develin, Rosimon-neu). Alle derartigen Analgetika haben ein hohes Suchtpotential, d. h. schon nach kurzzeitiger Einnahme kann eine Abhängigkeit entstehen.

Barbiturate

Barbiturate sind z. B. in Vesparax mite, Medinox Mono und Neodorm enthalten. Hohe Dosen verursachen rauschartige Zustände. Nach einer längeren Einnahme von Barbituraten kann es zur Toleranzbildung mit der Notwendigkeit der Dosiserhöhung kommen. Aufgrund der Parallelen zwischen der Alkoholsucht und der Barbituratsucht werden beide zu einem Abhängigkeitstyp von der WHO zusammengefasst.

Neben der psychischen Abhängigkeit entsteht auch eine physische Abhängigkeit, deren Folgen ausgeprägte Entzugserscheinungen sein können. Wegen der zuvor genannten Parallelen lassen sich die Entzugserscheinungen bei einer Barbituratabhängigkeit oft nicht sicher von denen der Alkoholabhängigkeit unterscheiden. Es kommt zu Angstzuständen und innere Unruhe, Muskelzuckungen, Tremor, Kreislaufstörungen, Erbrechen, Schlafstörungen und zu allgemeiner Schwäche. Wie beim Alkoholentzug kann es zu Krampfanfällen, Delirien mit Sinnestäuschungen und Wahnbildung, Verkennungen und Verwirrtheitszuständen kommen.

Barbiturate entwickeln nach längerem Gebrauch auch eine paradoxe Wirkung, d. h. sie wirken dann aktivierend und stimmungshebend. Bei gleichzeitiger Einnahme von Barbituraten und Alkohol und/oder dem Konsum von anderen psychotropen Medikamenten mit Barbituraten kann es zu einer Wirkungsverstärkung kommen. Eine zu hohe Dosierung kann wie bei der Überdosierung von Opiaten zu einer Lähmung des Atemzentrums führen.

Beruhigungsmittel, Tranquilizer (Benzodiazepine)

Zu den Tranquilizern gehören vorwiegend Medikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine. Sie werden u. a. zur psychopharmakologischen Therapie von Angstzuständen, Schlafstörungen und Unruhezuständen aller Art eingesetzt und gehören zu den häufigst verschriebenen Pharmaka überhaupt. Tabelle 1 gibt eine Übersicht über die Tranquilizer.

Benzodiazepine wirken auf das Zentralnervensystem und haben eine anxiolytische, sedativ-hypnotische, muskelrelaxierende und antikonvolsive Wirkung. Sie entspannen, beruhigen, wirken angst- und krampflösend und vermindern oder beseitigen psychovegetative Beschwerden (Herzklopfen, Zittern, Muskelverspannungen). Da Benzodiazepine zudem oft ohne gravierende Nebenwirkungen sind, werden sie von den Konsumenten als angenehm empfunden. Benzodiazepine haben jedoch ein hohes Suchtpotential (Barbiturat-Alkoholtyp). Das Abhängigkeitsrisiko steigt mit zunehmender Behandlungsdauer und der Höhe der Dosierung. Bei einer Einnahme von Benzodiazepinen ist die Verkehrstauglichkeit eingeschränkt.

Tabelle 1: Einteilung der Tranquilizer

Untergruppe Handelsname Inhaltsstoffe
Benzodiazepine

Adumbran

Oxazepam

 

Dalmadorm

Flurazepam

 

Demetrin

Prazepam

 

Diazepam

Diazepam

 

Frisium

Clobazam

 

Halcion

Triazolam

 

Lexotanil

Bromazepam

 

Librium

Chlordiazepoxid

 

Limbatril

Chlordiazepoxid + Amitriptylin

 

Mogadan

Nitrazepam

 

Normoc

Bromazepam

 

Oxazepam

Oxazepam

 

Praxiten

Oxazepam

 

Prodorm

Lorazepam

 

Remestan

Temazepam

 

Rivotril

Clonazepam

 

Rohypnol

Flunitazepam

 

Silentan a. H.

Diazepam + Acetylsalicylsäure

 

Staurodorm Neu

Flurazepam

 

Tavil

Alprazolam

 

Tavor

Lorazepam

 

Tranquase

Diazepam

 

Tranxilium

Dikaliumchlorazepat

 

Tranxilium N

Nordazepam

 

Valiquid

Diazepam

 

Valium

Diazepam

Sonstige Tranquilizer Miltaunt Meprobamat
  Insidon Opipramol
  Bespar Buspiron

 


Nach Dilling und Reimer (1994) entsteht bei etwa 25 % Prozent der Benzodiazepin-Konsumenten, die das Medikament über einen längeren Zeitraum als 6 Monate einnehmen eine psychische und körperliche Abhängigkeit. Zu den Entzugssymptomen zählen u. a. vermehrtes Schwitzen, Schlaflosigkeit, Angstzustände, Alpträume, Tremor, Übelkeit und Erbrechen, erhöhte Irritierbarkeit, Schwindelgefühle, Tachykardie, Muskelverspannungen, Muskelzittern, mnestische Störungen, abdominelle Krämpfe, Affekt- und Antriebsstörungen, Depersonalisations- und Derealisationsphänomene, Reizüberempfindlichkeit, optische Wahrnehmungsverzerrungen, Dysästhesien, kinästhetische Störungen, Synästhesien, Entzugspsychosen (paranoid-halluzinatorische und ängstlich-depressive Syndrome, Delir) und Krampfanfälle. Störungen der verschiedenen Sinnesmodalitäten sind typisch für den Benzodiazepinentzug.

Im Gegensatz zum Alkoholentzug, der in der Regel nach 14 Tagen beendet ist, dauert der Benzodiazepinentzug oft Wochen bis Monate. Befindlichkeitsstörungen finden sich auch noch nach Jahren der Abstinenz.

Betroffene mit einer Hochdosis-Benzodiazepinabhängigkeit (High-Dose-Dependence) zeigen in der Regel eine schwerere Entzugssymptomatik als Betroffene mit einer Niedrigdosis-Abhängigkeit (Low-Dose-Depandence). Ferner führen Benzodiazepine mit einer kürzeren Halbwertzeit beim Absetzen grundsätzlich zu größeren Problemen als solche mit einer längeren Halbwertzeit. Die Halbwertzeit ist eine Kenngröße für die Dauer der Wirksamkeit und den Abbau von Benzodiazepinpräparaten. Nachfolgende Tabelle zeigt die Halbwertzeiten verschiedener Medikamente.

Tabelle 2: Wirksamkeit und Abbau von Benzodiazepinpräparaten (Dilling u. a., 1994)

Kurze Halbwertzeit
Mittlere Halbwertzeit
Lange Halbwertzeit
< 12 h

12 bis 24 h

> 24 h

Temazepam
Lorazepam
Diazepam
Triazolam
Flunitazepam
Nitrazepam
Oxazepam
 
Flurazepam
Lormetazepam
 
Chlordiazepoxid

Die in der Vergangenheit und auch heute noch oftmals unkritische Verordnungspraxis führte zu zahlreichen Abhängigkeitsentwicklungen. Wie die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) ausführt, "wird die Prävention gegen Missbrauch und Abhängigkeit bereits auf der Verschreibungsebene vernachlässigt - möglicherweise auch, weil pharmakologische und pharmakodynamische Charakteristika der jeweiligen Arzneimittel nicht ausreichend berücksichtigt werden oder überhaupt nicht bekannt sind. Dies mag einer der Gründe für etwa 1,5 Millionen Arzneimittelabhängige in Deutschland sein (DHS 1991). "Ein großer Teil der Betroffenen ist benzodiazepinabhängig. In Österreich wird die Zahl der Benzodiazepinabhängigen zur Zeit auf 75.000 bis 150.000 geschätzt. Damit sind Benzodiazepine dort die neben Alkohol- und Nikotin am meisten missbrauchten Stoffe.

Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft fordert daher zur Verordnung von Tranquilizern

  • eine sorgfältige Indikationsstellung,
  • keine Verschreibung bei Patienten mit Abhängigkeitsanamnese,
  • die Verordnung der kleinsten Packungseinheit,
  • die Verordnung möglichst niedriger aber ausreichender Dosierung,
  • die Vereinbarung der Therapiedauer mit dem Patienten vor Behandlungsbeginn,
  • die Überprüfung der Behandlungsnotwendigkeit in kurzen Zeitabständen,
  • eine schrittweise Verminderung der Dosis nach längerfristiger Anwendung.

Wie bereits zuvor ausgeführt, werden Benzodiazepine u. a. zur psychopharmakologischen Therapie von Angstzuständen, Schlafstörungen und Unruhezuständen aller Art eingesetzt, d. h. sie dienen der Verminderung von Symptomen wie z. B. Angst, Schlaflosigkeit, Unruhe und Anspannung, die häufig Ausdruck einer tieferliegenden psychischen Störung sind. So ist diffuse Angst (Angst, die ohne Grund auftritt) tiefenpsychologisch betrachtet häufig Ausdruck von Konfliktspannungen, die auf ungelöste Probleme zurückzuführen sind. Durch die Einnahme von Benzodiazepinen verschwindet diese Angst häufig schnell und vollständig, d. h. es gibt für die Betroffenen keine Veranlassung mehr, sich um die Beseitigung der Ursachen der diffusen Angstzustände zu bemühen. Mit der Verminderung oder Beseitigung der Symptome ist jedoch die Ursache der Angst nicht beseitigt. Die vor der Einnahme zu beobachtende diffuse Angst taucht nach Absetzen des Medikamentes wieder auf, und zwar häufig heftiger als zuvor. Bei Symptomen, die auf psychische Störungen zurückzuführen sind, ist daher von einer Therapie mit Tranquilizern unbedingt abzuraten, da

  • die Ursachen der Störung nicht beseitigt werden und weil
  • diese Medikamente ein hohes Suchtpotential besitzen.

In allen anderen Fällen ist die Anwendung von Tranquilizern sorgfältig abzuwägen.

Hier finden Sie Hinweise zur Benzodiazepinabhängigkeit.

November 26, 2010 von admin

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