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Hypochondrie, Hypochonder, somatoforme Störungen
Die hypochondrische Störung gehört zu den sogenannten somatoformen Störungen. Zu den somatoformen Störungen zählen auch die Somatisierungsstörungen und somatoformen Schmerzstörungen. Bild 1zeigt eine Einordnung der Hypochondrie in die somatoformen Störungen.
Gemeinsam ist den somatoformen Störungen, dass die Betroffenen körperliche Beschwerden haben, die sich jedoch auf keine körperlichen Ursachen zurückführen lassen. In der Regel werden mehrere Ärzte konsultiert. Die Möglichkeit, dass ihre Erkrankung psychischen Ursachen haben könnte, wird von den Betroffenen i. d. R. abgelehnt oder ausgeschlossen. Das Leben der Patienten dreht sich häufig stark um ihre Symptome, und sehr häufig fordern die Erkrankten von ihrer Umgebung Aufmerksamkeit für ihr Leiden.
Besser bekannt ist diese Störungsgruppe unter dem Begriff der „Psychosomatische Störungen“. Dabei weist der Begriff "Psychosomatik", auf den Zusammenhang von Körper (Soma) und Seele (Psyche) hin. Die zentrale Annahme der Psychosomatik ist, dass sich seelische Probleme auch in körperlichen Symptomen äußern können.
Bild 1: Einordnung der Hypochondrie in die somatoformen Störungen nach ICD 10.
Eine hypochondrische Störung (F45.2) ist nach den Leitlinien des ICD-10 durch folgende Merkmale charakterisiert, wobei die zwei erstgenannten als diagnostische Hauptmerkmale anzusehen sind:
Die Betroffenen sind demnach erzeugt vom Vorhandensein wenigstens einer ernsthaften körperlichen Krankheit als Ursache für vorhandene Symptome, auch wenn wiederholte Untersuchungen keine Erklärung für die somatischen Beschwerden (körperliche Symptomatik) erbrachten. Sie beschäftigen sich ständig mit den körperlichen Symptomen und weigern sich beharrlich, den Rat und die Versicherung auch mehrerer Ärzte zu akzeptieren, dass den Symptomen keine körperliche Krankheit zugrunde liegt.
Es ist festgestellt worden, dass unter den Patienten der Allgemeinärzte fast 50 % der Hilfesuchenden einzelne hypochondrische Symptome zeigen. Bis zu 14 % zeigen das vollständige Beschwerdebild einer Hypochondrie. Im Gegensatz zu den anderen somatoformen Störungen, die häufig bei Frauen auftreten, sind von der Hypochondrie Männer und Frauen in gleichem Maße betroffen.
Im Vordergrund der Hypochondrie steht die anhaltende Befürchtung, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden. Normale körperliche Reaktionen oder geringe körperliche Veränderungen, wie z. B. leicht erhöhter Puls beim Treppensteigen, vorübergehende Verdauungsbeschwerden o. ä., werden als krankhaft bewertet und als Belege für eine Krankheit angesehen. Auch mehrfache befundlose medizinische Untersuchungen können den Betroffenen nicht von Überzeugung abbringen, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden. Fehlende Untersuchungsergebnisse werden von den Betroffenen meist als Anzeichen dafür gesehen, dass sie an einer bisher unbekannten Krankheit leiden, oder dass die Untersuchung des Arztes nicht ausreichend war oder dieser sich einfach irrt. In der Folge werden oft eine mehrere Ärzte aufgesucht, von denen sich die Erkrankten Hinweise oder Befunde für die Ursache ihrer Beschwerden erhoffen. Im Gegensatz zu anderen somatoformen Störungen, bei denen meist wechselnde Symptome in unterschiedlichen Körperregionen empfunden werden, sind die Beschwerden bei der Hypochondrie meist auf ein oder zwei Organsysteme beschränkt. Die Abgrenzung zu anderen somatoformen Erkrankungen ist im allgemeinen schwierig. Das Hauptmerkmal der Hypochondrie ist am ehesten die Furcht vor einer schweren Krankheit, während bei den anderen somatoformen Störungen die körperlichen Symptome selbst im Vordergrund stehen.
Nach Morschitzky kann die Hypochondrie nach den Aspekten von primärer und sekundärer Symptomatik und den Aspekten von Angst und Überzeugung in folgenden Unterformen unterteilt werden:
Grundsätzlich kann Hypochondrie in jedem Lebensalter beginnen. Häufig tritt die Symptomatik aber zum ersten Mal im frühen Erwachsenenalter auf. Der Krankheitsverlauf ist oft chronisch und die große Beschäftigung mit den körperlichen Beschwerden kann zu einem Persönlichkeitsmerkmal der Betroffenen werden. Die Prognose ist in der Regel schlechter, wenn die Krankheit schleichend begonnen hat und der Betroffene durch seine Krankheit bestimmte „Vorteile“ wie z. B. Rücksichtnahme oder größere Aufmerksamkeit (sekundärer Krankheitsgewinn) erhält.
Die Entstehung und Ausprägung somatoformer Störungen wird durch biologische, psychische und soziale Faktoren begünstigt.
Zu den biologischen Faktoren zählen genetisch-konstitutionelle Aspekte wie z. B. eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit oder eine erhöhte psychophysiologische Reaktivität wie z. B. die erhöhte Reizempfindlichkeit (auf Reize besonders schnell mit erhöhtem Herzschlag reagieren) und Aspekte des Hormonsystems (z. B. eine vermehrte Stresshormonausschüttung in Belastungssituationen). Zu psychischen Faktoren zählen eine mangelnde Wahrnehmung des inneren Gefühlszustandes, anhaltende ängstliche Überaufmerksamkeit bezogen auf die aktuellen Körperempfindungen, Bewertung relativ harmloser Symptome als gefährlich, übertriebene Sorge um die Gesundheit. Hinzu kommen psychosoziale Belastungsfaktoren wie z. B. Probleme bei der Arbeit oder in Beziehungen. In der Vorgeschichte der Betroffenen findet sich oft eine überdurchschnittliche Häufung von Krankheiten der eigenen Person oder von Familienmitgliedern, Traumatisierungen verschiedener Art (z. B. sexueller Missbrauch), ständige ärztliche Untersuchungen und eintönige, wenig abwechslungsreiche Lebensbedingungen.
Aus psychoanalytischer Sicht entsteht die Hypochondrie als Folge unbewusster innerer Konflikte auf der Grundlage von Schuldgefühlen oder Ängsten. Die Abwehr dieser Konflikte erfolgt ähnlich wie bei phobischen Störungen durch die Verschiebung der Schuld- oder Angstgefühle auf körperliche Symptome. Durch diese Projektion und/oder Verschiebung wird eine Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden Konflikten vermieden. Dabei haben die körperlichen Beschwerden symbolischen Charakter, so könnten z. B. Nackenprobleme als Ausdruck dafür stehen, etwas „nicht akzeptieren“ zu wollen oder unnachgiebig zu sein.
Hypochonder sind überzeugt von einer schweren körperlichen Erkrankung. Daher begeben sich hypochondrische Patienten nur selten oder erst nach einem langen Krankheitsverlauf in psychotherapeutische Behandlung.
In der psychodynamischen Therapie gilt es den/die zugrunde liegenden Konflikte zu erkennen und dem Betroffenen bewusst zu machen. Der Therapeut sollte sich zunächst die Symptome schildern lassen, ohne zu diskutieren, ob die Beschwerden somatisch begründbar sind oder nicht. Vielmehr sollte er darauf hinweisen, dass in der Therapie ein Umgang mit dem Leiden erlernt werden kann, dass z.B. Entspannungsverfahren wie das Autogene Training eine Hilfe sein können. Auch sollte der Zusammenhang zwischen Stress und körperlichem Befinden deutlich gemacht werden.
Im Laufe der Behandlung wird mit dem Patienten erarbeitet, welchen Situationen (z. B. Konflikte in der Familie oder eine hohe Arbeitsbelastung) Veränderungen der Symptomatik verursachen. Dem Betroffenen wird anhand des Erklärungsmodells für Hypochondrie verdeutlicht, wie seine ängstliche Selbstbeobachtung zu einer Steigerung der Symptomatik führt. Die Therapie beschäftigt sich auch mit der Neigung des Betroffenen, Ereignisse eher negativ wahrzunehmen und es wird versucht positivere Denkmuster zu entwickeln. Stellt der Behandler fest, dass das Umfeld stark in die Krankheit des Patienten eingebunden ist, ist es sinnvoll, mit diesen Personen zusammenzuarbeiten und ihnen zu verdeutlichen, dass sie durch eine zu starke Unterstützung und Schonung langfristig zur Stabilisierung der Hypochondrie beitragen.